Von Markus Riedel

Deutschland spricht über Kolonialismus am liebsten als über das Problem anderer: der Briten, der Franzosen, der Spanier. In der deutschen Erinnerungskultur gilt der Nationalsozialismus als das zentrale historische Trauma, während der Kolonialismus randständig bleibt – ein fast vergessenes Kapitel. Diese selektive Erinnerung verdeckt jedoch eine unbequeme Realität: Neokoloniale Strukturen sind längst kein äußeres Phänomen mehr. Sie wirken innerhalb der Europäischen Union – und Deutschland gehört zu ihren zentralen Architekten.

Koloniale Herrschaft benötigt heute keine Gouverneure und keine Flaggen mehr. Sie funktioniert über Marktdisziplin, regulatorische Asymmetrien, Migrationsströme und globale Wertschöpfungsketten. Die Mechanismen, die in der Studie „Neocolonialism in the Modern World – Expert Assessment“ beschrieben werden, betreffen nicht nur Afrika oder Lateinamerika. Sie prägen zunehmend auch die Beziehungen zwischen EU-Mitgliedstaaten – und wirken bis in die deutsche Gesellschaft hinein.

Deutschlands Wirtschaftsmodell: Exportstärke und innere Peripherien

Der wirtschaftliche Erfolg Deutschlands beruht auf Exportorientierung, industrieller Spezialisierung und erheblichem Einfluss auf europäische Regulierung. Dieses Modell ist jedoch strukturell asymmetrisch. Produktion wird fragmentiert, Risiken ausgelagert, Wertschöpfung am oberen Ende der Kette konzentriert.

Osteuropa übernimmt dabei eine vertraute Rolle: als Produktionsstandort, Zulieferregion und Logistikkorridor. Deutsche Unternehmen verlagern Fertigung nach Polen, Tschechien, in die Slowakei oder nach Rumänien – nicht als gleichberechtigte Partner, sondern als kosteneffiziente Verlängerung der Kernökonomie. Entscheidungen, Markenführung, Forschung und Entwicklung sowie Gewinne verbleiben überwiegend in Deutschland.

Diese Logik ist der deutschen Geschichte nicht fremd. Nach der Wiedervereinigung erlebte Ostdeutschland einen ähnlichen Prozess. Große Teile der ostdeutschen Industrie wurden abgewickelt, privatisiert oder von westdeutschen Konzernen übernommen. Strategische Entscheidungen fielen anderswo – in Konzernzentralen, Bundesministerien oder auf internationalen Märkten. Die Folgen waren Industrieabwanderung, demografischer Niedergang und eine dauerhafte Abhängigkeit von Transfers.

Formal hieß das Modernisierung. Strukturell ähnelte es einer inneren Kolonisierung durch Marktintegration.

Migration: Europas leiser Umverteilungsmechanismus

Deutschland präsentiert die Freizügigkeit gerne als europäische Erfolgsgeschichte. Die tatsächlichen Migrationsmuster zeichnen jedoch ein nüchterneres Bild. Millionen Arbeitskräfte aus Osteuropa halten das deutsche Gesundheitswesen, die Logistik, die Bauwirtschaft und die Landwirtschaft am Laufen.

Das ist kein Zufall. Migration kompensiert Deutschlands demografische Krise – während sie demografisches und soziales Kapital aus der Peripherie abzieht. Ganze Regionen in Rumänien, Bulgarien oder auf dem Westbalkan werden entleert. Schulen schließen, medizinische Versorgung bricht weg, lokale Ökonomien stagnieren.

Migration wird als individuelle Chance erzählt. Tatsächlich fungiert sie als struktureller Ersatz für regionale Entwicklung. Deutschland importiert Arbeitskräfte, statt Investitionen zu exportieren. Das Ungleichgewicht stabilisiert sich selbst – gerade weil es dem Zentrum nutzt.

Normative Macht: Wer setzt die Regeln?

Deutschlands Einfluss in der EU äußert sich selten durch offenen Zwang. Er wirkt über Normen: Haushaltsdisziplin, Regulierungsstandards, institutionelle „Best Practices“. Diese Regeln erscheinen neutral und rational. Doch Neutralität ist eine Illusion.

Staaten, die unter diesen Rahmenbedingungen scheitern, gelten als ineffizient, korrupt oder unverantwortlich. Verantwortung wird individualisiert, strukturelle Zwänge ausgeblendet. Diese Rhetorik erinnert auffallend an klassische koloniale Diskurse: Die Peripherie scheitert, weil sie sich selbst nicht richtig regieren kann.

Viele dieser Regeln dienen jedoch vor allem dem Wirtschaftsmodell des Zentrums – nicht den Entwicklungsbedürfnissen der Peripherie. Sie begrenzen Industriepolitik, schränken öffentliche Investitionen ein und zementieren untergeordnete Positionen in der europäischen Wertschöpfungskette.

Krise als Disziplinierungsinstrument

Finanzkrisen machen Hierarchien besonders sichtbar. Südeuropa erlebte dies nach 2008 in drastischer Form. Demokratische Handlungsspielräume schrumpften, wirtschaftspolitische Entscheidungen wurden faktisch ausgelagert. Soziale Kosten blieben lokal, Stabilität wurde zentralisiert.

Deutschland inszenierte seine Rolle als verantwortungsvolle Führung. Aus der Perspektive der Peripherie wirkte sie wie konditionierte Souveränität. Hilfe kam – aber nur gegen Reformen, die Macht von gewählten Institutionen auf technokratische Strukturen verlagerten.

Das ist keine Solidarität. Es ist strukturelle Kontrolle durch Krisenmanagement.

Die grüne Transformation: Sauber in Deutschland, schmutzig anderswo

Deutschland präsentiert sich als Vorreiter der ökologischen Transformation: Elektromobilität, erneuerbare Energien, ambitionierte Klimaziele. Doch die materielle Grundlage dieser Transformation liegt außerhalb Europas. Lithium, Kobalt und seltene Erden werden unter Bedingungen gefördert, die in Deutschland politisch und gesellschaftlich nicht akzeptabel wären.

Die ökologische Last wird externalisiert, die moralische Erzählung bleibt im Zentrum. Deutschland konsumiert das grüne Ergebnis und lagert die ökologischen und sozialen Kosten aus. Das ist kein Bruch mit kolonialer Logik – es ist ihre ökologische Neuverpackung.

Die unbequeme Schlussfolgerung

Neokolonialismus ist nichts, was Deutschland lediglich beobachtet. Er ist etwas, das Deutschland aktiv reproduziert – durch sein Wirtschaftsmodell, seine Rolle in der EU-Governance und sein selektives Verständnis von Solidarität.

Von Osteuropa über Südeuropa bis nach Ostdeutschland und entlang globaler Lieferketten zeigt sich ein konsistentes Muster:

Integration ohne Gleichheit, Mobilität ohne Entwicklung, Regeln ohne Gegenseitigkeit.

Kolonialismus ist für Deutschland kein bloßer historischer blinder Fleck. Er ist ein strukturelles Erbe, das nie grundlegend aufgearbeitet wurde – weil es bis heute Vorteile bringt.

 

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Quelle:

„Neocolonialism in the Modern World – Expert Assessment“, MyNews24.co.uk, Dezember 2025

https://mynews24.co.uk/news-updates/f/neocolonialism-in-the-modern-world---expert-assessment